Es ist bereichernd, wie der bekannte Schweizer Autor Thomas Härry seine Leser mit jedem Buch weiter mitnimmt auf seine persönliche Glaubens- und Lebensreise. Er ist selbst darum bemüht, innerlich zu wachsen und zu einer reiferen Persönlichkeit zu werden, und das kommt in seinen Büchern zum Ausdruck.
Leiten – ob in der Gemeinde, im Beruf oder in anderen Bereichen des Lebens – dazu gibt es bereits viele gute Bücher. Die meisten beschäftigen sich mit Methoden, Strategien und hilfreichen Werkzeugen. Was dieses Buch auszeichnet, ist ein anderer Ansatz: Im Mittelpunkt steht nicht zuerst die Frage, was ein Leiter tun soll, sondern wer ein Leiter ist. Thomas Härry richtet den Blick auf den Charakter, die Weisheit und die Reife einer Leitungsperson.
Im ersten Teil dieses Buches geht es um das Thema Maßhalten. Härry zeigt, wie das Pendel in beide Richtungen ausschlagen kann: Manche Leiter überschätzen sich selbst, andere halten zu wenig von sich. Der gesunde Weg liegt in der Mitte – in einer demütigen Einschätzung der eigenen Person und in der Erkenntnis, dass letztlich alles Gelingen von Gott abhängt. Sehr offen beschreibt Härry dabei auch seine eigenen inneren Kämpfe: „In solchen Momenten reitet mich wieder einmal das Bedürfnis, gesehen, anerkannt, bewundert zu werden. Gut zu sein. Besser als andere. Es ist ein armseliges Getue, das mich im Blick auf meinen Charakter schwächt statt stärkt.“
Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Thema Veränderung. Ein Leiter sollte sich bewusst sein, dass Veränderungen für Menschen oft schmerzhaft sind, weil sie mit Verlust verbunden sind. Es gilt, sich von Liebgewonnenem zu verabschieden und gleichzeitig die Menschen mitzunehmen. Hilfreich beschreibt er, wie ein Leiter mit Widerstand umgehen kann und warum Einwände ernst genommen werden sollten.
Der dritte Teil ist für mich der wichtigste. Hier geht es um den Begriff „Gravitas“, das Härry als eine innere Stand- oder Charakterfestigkeit, oder mit dem biblischen Bild von Verwurzeltsein beschreibt. Laut Bonhoeffer besitzen Menschen mit Gravitas: „… eine innere Kraft und die Bereitschaft zur Verantwortung. Einer Verantwortung, die nicht blind den Umständen und Meinungen anderer folgt, sondern tief im eigenen Herzen und in dessen Bindung an Gott geformt wurde.“
Praktisch wird das Buch durch die vielen persönlichen Beispiele des Autors. Er erzählt nicht nur von seinen Erkenntnissen, sondern von eigenen Schwächen und Gewohnheiten, die ihm geholfen haben, zu wachsen. Dazu gehört auch die Bereitschaft, neugierig zu bleiben, zu lesen und lebenslang Lernender zu sein.
Dieses Buch richtet sich an Menschen, die andere führen und Verantwortung tragen. Es ist ein ausgezeichnetes Rüstzeug für alle, die nicht nur bessere Leiter werden möchten, sondern vor allem zu einer Person reifen wollen, die durch ihr Leben Ausstrahlung gewinnt und andere ermutigt.
Das Fundament aller Überlegungen und Ratschläge ist dabei das Getragensein von Gott. Härry betont, dass wir nicht darum bestrebt sein sollen, aus eigener Kraft alles zu erreichen. Es geht vielmehr um die Bereitschaft, Gott zu vertrauen und sich ihm zur Verfügung zu stellen. Geistliche Übungen, wie beispielsweise seine Art des Bibellesens, sind dabei hilfreiche Wegbegleiter. Doch es geht weniger um einzelne Disziplinen als um die Sehnsucht, als Mensch zu wachsen und Christus ähnlicher zu werden.
Fazit: Ein gut lesbares, tiefgründiges und ermutigendes Buch. Es fordert heraus, lädt zum Nachdenken ein und weckt die Sehnsucht, ein Mensch zu werden, der innerlich in Christus verwurzelt ist und daraus heraus andere führen kann.


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