Das Thema dieses Buchs ist notwendig und wichtig. Die ansprechende Gestaltung des Covers ist passend. Das Wort „Weiterglauben“ wird getrennt, und zeigt damit verschiedene Bedeutungsmöglichkeiten; weiterhin glauben oder zu einem weitgefassteren Glauben finden. Der Untertitel zeigt das Anliegen des Autors, „Warum man einen großen Gott nicht klein denken kann“, was wohl auch heißen soll, dass Christen manchmal genau das tun.
Ja, das Anliegen ist aktuell und wichtig. Viele verabschieden sich in der Jugend von ihrem Kinderglauben, und finden keinen Ersatz. Spätestens mit dem Unterricht in den letzten Schuljahren oder dem Studium, wachsen die Zweifel am christlichen Weltbild. Wie Thorsten Dietz schreibt, „Gar nicht so wenige Menschen sagen heute: Ja, ich wurde christlich erzogen, ich habe als Kind oder als Jugendlicher geglaubt. Jetzt tue ich das nicht mehr. Denn der christliche Glaube ist überholt. Er ist nicht zeitgemäß. So sagen und sehen das diese Menschen, und das Tragische ist m.E. Folgendes: Diese Menschen verwechseln ihren eigenen Kinderglauben mit dem christlichen Glauben als solchem.“ (Seite 40) Diese jungen Leute haben sich weiterentwickelt, und sie stellen auf einmal fest, dass ihr Kinderglauben nicht mehr passt. Anstatt „weiter zu glauben“ und im Glauben zu reifen, legen sie den Glauben ganz ab, wie Kleidungsstücke, aus denen sie herausgewachsen sind.
Was ist die Lösung? Ist Glaube in unserer heutigen Zeit und mit den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mehr zeitgemäß? Inwieweit gibt es absolute Wahrheit? Oder bastelt jeder sich seine eigene Wahrheit so zusammen, dass sie zu ihm passt? Wie findet man vom Kinderglauben zum Erwachsenenglauben?
In neun Kapiteln, die aufeinander aufbauen und jeweils etwa die Länge einer Predigt haben, geht der Autor auf diese und andere Fragen ein. Teilweise sind die einzelnen Kapitel aus Vorträgen entstanden, wie der Autor am Anfang schreibt.
Er beschreibt die Unterschiede zwischen konservative und den liberale Christen, und später kommen noch die „linke Christen“ dazu, die sich vor allem für soziale Gerechtigkeit einsetzen. Die Lager sind gar nicht so weit voneinander entfernt, denn beide Seiten sind sich darin einig, dass sie fest von ihrer Sicht des Glaubens überzeugt sind. Dabei kann keiner Gott erfassen oder begreifen, denn er ist so viel größer. „So offenbart sich Gott: offenbar verborgen und verborgen offenbar.“ (Seite 38).
In den ersten drei Kapiteln geht es um die Suche nach einem Erwachsenenglauben, um den unbegreiflichen Gott, und um die Wahrheit geht, die sich vielleicht anders äußert als man von seiner Glaubenstradition her gewohnt ist. In den nächsten drei Kapiteln geht es dann um die Bibel. Die Bibel ist Gotteswort in Menschenwort, aber nicht unfehlbar, so der Autor. Er meint ein Festhalten an der Unfehlbarkeit der Bibel sei ebenso wenig zu halten, wie die Vorstellung, dass die Erde flach ist. Im fünften Kapitel will der Autor am Beispiel der Sintflut-Erzählung zeigen, dass biblische Texte nicht unbedingt historisch verstanden werden müssen, dagegen spreche die heutige Wissenschaft. Im sechsten Kapitel geht es um die ethischen Maßstäbe der Bibel. Am Beispiel einiger überholten Aussagen Luthers über die Ehe, will der Autor deutlich machen, dass es bei der Ethik letztendlich um die Liebe geht. Anhand dieser Richtschnur erkenne man, welche biblische Aussagen heute noch zeitgemäß sind.
In den letzten drei Kapiteln geht es schließlich darum, wie Glaube in der heutigen Zeit gelebt werden kann. Im siebten Kapitel wird festgestellt, dass Glaube eher bewahrt und weitergegeben wird im Kontext einer Kirche oder Gemeinde, auch wenn oft eine Hass-Liebe zur christlichen Gemeinschaft bestehe. Im achten Kapitel geht es um die persönlichen Äußerungen des Glaubens oder um Frömmigkeits-Übungen, unter der Überschrift, „Der Fromme der Zukunft wird Mystiker sein“. Und zum Abschluss wird der Glaube wie ein Flussdelta beschrieben, im dem vieles zusammenfließt und einiges aufgelöst wird, was aber zu einem fruchtbaren Wachstum führt.
Wie gesagt, die Fragestellung dieses Buchs ist eine wichtige; die Antwort kann jedoch nicht überzeugen. Wenn bibeltreue Christen an den Maßstäben der Bibel festhalten, geschieht das nicht unbedingt aus Angst, wie der Autor vermutet. Letztendlich geht es auch um die Frage, was ist vertrauenswürdiger – die Wissenschaft oder die Bibel? Viele frühere Erkenntnisse der Wissenschaft konnten sich nicht halten. Schaut man hingegen über den Tellerrand hinaus, zu Ländern in denen Menschen allein durch das Lesen der Bibel zum Glauben kommen und ihr ganzes Leben verändern, wird deutlich, dass die Bibel eine Kraft hat, die wir nicht begreifen oder erfassen können.
Einige Kapitel des Buchs sind enttäuschend, da die wichtigsten Fragen nicht geklärt werden. Wenn es um ethische Entscheidungen geht, werden aktuelle Themen wie Homosexualität am Anfang des Kapitels angesprochen. Nach ausführliche Erläuterungen von einigen ethischen Entscheidungen Luthers, die heute überholt sind, bleibt eine konkrete Aussage über die Bedeutung der ethischen Richtlinien im Neuen Testament für uns aus. Vermutlich sollen die Beispiele Luthers zeigen, dass es in erster Linie um die aktuellen gesellschaftlichen Entscheidungen geht, die die biblischen Aussagen relativieren können, solange in Liebe gehandelt wird.
Auch in den Kapiteln über Gemeinde und Mystik erfährt der Leser nicht viel. Sicher, es ist besser in eine Gemeinde zu gehen und in irgendeiner Weise still zu werden und Gott zu suchen, aber letztendlich bleibt es jedem selbst überlassen wie er Gott näherkommen kann. Mystik scheint auch eher auf ein geistliches Sehnen hinzuweisen, und nicht auf geistliche Übungen wie Bibellesen und Gebet, mit deren Hilfe eine Gottesbeziehung auch wachsen kann.
Ich denke die Auflösung der Beliebigkeit, die in diesen Kapiteln deutlich wird, wäre die Person Jesus Christus. Ja, Gott ist nicht klein zu denken, das will der fundamentalistische Christ vielleicht auch gar nicht. Aber er hat sich uns in Jesus offenbart. Jesus hat auch viele konkrete Aussagen gemacht, die als Richtlinie für uns gelten können. Natürlich kann man auch hier sagen, dass Jesu Worte falsch überliefert worden sind, darum geht es letztlich um eine Entscheidung: Vertraue ich der Bibel, oder der Wissenschaft und den gegenwärtigen gesellschaftlichen Strömungen?
Vom Kinderglauben zum Erwachsenenglauben – auf jeden Fall! Aber das muss nicht heißen, wissenschaftshörig zu werden und alles zu hinterfragen. Ein Erwachsenenglauben kann geprägt sein vom Vertrauen auf einen großen, unbegreiflichen Gott – ein Vertrauen, das so weit geht, dass man bereit ist sich ihm hinzugeben, ohne alles verstehen zu müssen.


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