Der 1965 geborene Martin Dreyer hat wichtige Impulse in die christliche Jugendarbeit gebracht. Es ist ihm ein Anliegen junge Menschen zu erreichen, die mit der frommen Sprache der Kirche wenig anfangen können. Am bekanntesten wurde er wohl durch die „Volxbibel“, eine Bibelübertragung in eine einfache Jugendsprache, mit Veranschaulichungen aus der modernen Welt.
Er ist mit seiner Botschaft als Redner unterwegs, vor allem in Deutschland, aber auch im Ausland. So gerne er Herzen mit dieser Botschaft erreicht, die Termine bedeuten für ihn jahrelang große innere Kämpfe. Vor jeder Predigt rumort es im Bauch. Auf der Kanzel schämt er sich für die verräterische rote Flecken am Hals, ein sichtbares Zeichen seiner Panik. Nach jeder Ansprache fragt er sich, wie kann ich diese Angst in den Griff bekommen?
In diesem Buch nimmt Martin Dreyer den Leser mit auf eine Reise zu sechzehn Veranstaltungsorten. Zwei entscheidende Erlebnisse liegen weiter zurück – 1985 spricht er in den USA und 1998 in Kenia. Die meisten Kapitel berichten jedoch über Ereignisse in den letzten Jahren.
Jedes Kapitel beginnt mit einer Beschreibung der besuchten Stadt oder der christlichen Szene in dieser Stadt. Die Veranstaltungen an den verschiedenen Orten werden detailliert beschrieben – die Anreise, die Atmosphäre vor Ort, die Nervosität Dreyers und die wichtigsten inhaltlichen Gedanken seiner Ansprache. Anschließend fasst der Autor seine Erkenntnisse zusammen, sowohl aus geistlicher Sicht als auch in Hinblick auf seine Angstzustände.
Dabei gibt Dreyer einen offenen und mutigen Einblick in sein Herz. Er berichtet ehrlich über Stolz und Menschenfurcht, über Angst und Zweifel, und darüber, dass er gerne Vortragstermine annimmt, nicht nur um Gott zu bezeugen, sondern auch weil er auf das Einkommen angewiesen ist.
Seine echte Sehnsucht nach Gott wird deutlich in diesem Buch. Er ist auch bereit anzuecken, wenn es sein muss. Viele seiner Aktionen kommen nicht bei allen Christen gut an und er selbst reflektiert sein Tun kritisch, zum Beispiel seine Beteiligung an einer fragwürdigen SAT1 Sendung, in der Paare zur Probe verheiratet wurden.
An vielen Stellen erzählt er auch offen von seinen Zweifeln. Sein uneingeschränktes Vertrauen auf Gott hat Risse bekommen. Das wird vor allem bei einer Veranstaltungsreihe mit Arne Kopfermann deutlich, der über den tragischen Tod seiner Tochter berichtet. „Gott hatte in meinen Augen als Beschützer oder Hirte von Arnes Familie gnadenlos versagt.“
Diese ehrliche und authentische Lebensgeschichte ist gut und interessant geschrieben und es ist lobenswert, wie sich Dreyer bemüht fromme Inhalte in alltäglicher Sprache zu erklären. Einige Aussagen werfen jedoch Fragen auf.
„Der Gründer des Christentums, Christus selbst, war so überhaupt nicht moralisch. Jesus hat nie sexuelle Sünden verurteilt, nicht ein einziges Mal.“
Jesus verurteilt Menschen nicht, doch ist die Bergpredigt ein Beispiel dafür, dass er Sünde durchaus ernstnimmt.
„Jesus hätte mit Sicherheit heute einen eigenen Youtube-Kanal, er hätte Milliarden Follower auf Instagram und Twitter, sein Facebook-Account wäre sehr gut besucht.“
Die Berichte in den Evangelien erwecken nicht den Eindruck, dass es Jesus um einen möglichst großen Bekanntheitsgrad ging.
Persönlich finde ich diese Gedanken am bedenklichsten, „Ich glaube tatsächlich, dass sich Gottes Willen, und damit meine ich seine Richtschnur fürs Leben, im Laufe der Geschichte verändert hat.“
„Im Alten Bund war es für Gott richtig, Menschen mit dem Tod sofort zu bestrafen, nur weil sie versehentliche die Bundeslade berührten, in dem seine Gesetze lagen. Durch Jesus wurde dieser harte, strafende Gott neu definiert. So denke ich auch, dass Gott seinen konkreten Willen bis heute an die Entwicklung der Menschheit weiter angeglichen hat.“
Dieser Gedanke erschreckt mich. Ein Gott, der es nötig hat sich der Entwicklung der Menschheit anzupassen? Ein Gott der beliebig ist, da er sich ändert? Wie könnte ich mich da auf ihn verlassen? Ich sehe Gott auch im Alten Testament als einen liebevollen, barmherzigen, guten und heiligen Gott. Gerade wegen diesen Eigenschaften kann er Sünde und Unrecht nicht dulden. Dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist gehörte von Anfang an zu Gottes Plan, es war nicht eine Anpassung oder Neudefinierung Gottes.
Dazu kommen respektlose Aussagen, wie, „Dann arbeitet man sich den Hempel ab, und am Ende war doch alles für die Katz, weil Gott eben keine Lust darauf hatte, mich zu segnen.“
Ich finde außerdem keine Hinweise darauf, dass die folgende Aussage stimmt; ein Quellenverweis wäre angebracht. „Als Erstes finde ich heraus, dass noch viele Jahre nach Christi Tod und Auferstehung die Vielehe in der christlichen Gemeinde zur Normalität gehörte. Männer durften, wenn sie es sich finanziell leisten konnten, so viele Frauen heiraten, wie sie wollten.“
Es gibt aber auch gute und wertvolle Aussagen in diesem Buch, zum Beispiel über die leise Stimme Gottes in einer lauten Welt, oder die Bewertung seiner Schwachheit als positiv, da Gott ihn dadurch vor Stolz bewahren und besser gebrauchen konnte.
Sehr schön ist die Feststellung des Autors am Ende des Buchs. „Predigen und Lesungen abhalten, in der Öffentlichkeit stehen, auf einer Bühne, das kann nicht mehr über meinen Selbstwert bestimmen. … Ich bin angekommen, kann auch ohne das leben, es trägt mich nicht. Was mich trägt, ist die Hoffnung , von Gott bedingungslos geliebt zu werden. Dass mein Wert nicht an meinen Taten gemessen wird, an meinen Erfolgen oder Misserfolgen, sondern in der Zusage von Gottes Liebe.“
Fazit: Schonungslos offen berichtet ein Wegbereiter für zeitgemäße Jugendarbeit über seine Schwächen, seinen Stolz und seine Menschenfurcht. Zweifel an Gott werden ebenso angesprochen wie die Sehnsucht nach einer tragfähigen Gottesbeziehung. Der Autor ist ein Suchender und er scheint in seiner momentanen Lebensphase mehr Fragen zu haben als in jungen Jahren. Beim Lesen wünscht man dem Autor, dass er zurückkehren könnte zu der fröhlichen Gewissheit eines kindlichen Glaubens. Trotz einiger Einwände ein lesenswertes Buch.


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